„Ökostrom“-Taschenspielertricks der Stadtwerke Gießen

Die SWG werben intensiv mit Begriffen wie „Ökostrom“ und „GrünStrom“. Zur Stromqualität stellte unsere Fraktion im Oktober 2025 eine Anfrage an den Magistrat. Die Antwort des Magistrats dazu kann hier eingesehen werden. Zu dieser Antwort hielt Johannes Rippl, Stadtverordneter unserer Fraktion, folgende Rede:

Wir hatten das Thema im September ja schon einmal, da die Antworten damals aber eher dürftig waren, haben wir nochmal etwas vertiefte Fragen gestellt. Unsere Bewertung wird dadurch aber leider nicht besser:
Nun ist klar, dass die Stadtwerke lediglich 4% des von ihnen verkauften Ökostroms selbst produzieren.
Nochmal knapp 4% kaufen sie direkt aus einem Wasserkraftwerk in Österreich ein.
Der ganze Rest, also 92% des als Ökostrom verkauften Stroms, ist hingegen Graustrom, den die Stadtwerke mit Herkunftsnachweisen grün wäscht. So wird aus Kohle- und Gasstrom auf wundersame Weise Ökostrom.
Diese Herkunftsnachweise stammen bei den Stadtwerken in 33 von 34 Fällen aus Wasserkraftwerken, die zum Teil schon seit dem Jahr 1900, also seit 125 Jahren in Betrieb sind. Selbst die neusten Anlagen sind schon über 20 Jahre alt. D.h. das Geld, das die Ökostrom-Kundinnen den Stadtwerken im Glauben überweisen, damit etwas zum Ausbau der Erneuerbaren Energien beizutragen, fließt überhaupt nicht in den Ausbau von Erneuerbaren Energien, sondern in die Taschen der Betreiber von längst abgeschriebenen Anlagen.
Und dann stammen 45% der Herkunftsnachweise auch noch ausgerechnet aus Norwegen. Norwegen, das seit Jahren für die Doppelvermarktung von Ökostrom kritisiert wird. Während die norwegischen Unternehmen damit werben, dass ihr Strom nachhaltig aus Wasserkraft stammt, werden die Herkunftsnachweise in den Rest Europas und insbesondere nach Deutschland verkauft.
Das sind Taschenspielertricks, die zwar legal sind, aber die Verbraucher an der Nase herumführen. Genau deshalb haben wir damals ein Ende dieser Praxis bei den SWG gefordert. Entweder man bietet Ökostrom an, der den Namen auch verdient, oder man lässt es ganz bleiben. Stattdessen werden aber weiterhin die minderwertigen Mogelpackungen der SWG angeboten und sogar in den Vordergrund gerückt.
Enden möchte ich aber mit einem Lichtblick, und sei er noch so klein. Denn 3 Jahre nach dem Beschluss und mindestens drei Anfragen von uns zum Thema, wird in den städtischen Liegenschaften zum Jahreswechsel endlich auf einen echten Ökostrom-Tarif umgestellt. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Minimalziel erreicht.


Datenbasis zur Rede
5.056 MWh EE durch SWG selbst produziert. 80% davon Biomasse, Rest Solar. (4,3%)
4.417 MWh EE direkt gekauft inkl. Nachweise. Alles aus einem einzigen Laufwasserkraftwerk in Österreich. Weitere Verträge für die Zukunft, alle Laufwasser in Österreich. (3,7% vom verkauften Ökostrom)
198.500 MWh Herkunftsnachweise gekauft. Stammen aus 33 Wasserkraftanlagen die aus den Baujahren 1900 bis 2003 und einer einzigen Solaranlage aus 2022 stammen.
119.000 MWh Ökostrom verkauft. Insgesamt laut Jahresbericht 846.000 MWh. (Nur 14% Ökostrom)
Die im aktuellen Stromkennzeichen ausgewiesen Lieferländer der Herkunftsnachweise:

  • Norwegen 44,65 %
  • Finnland 26,87 %
  • Slowenien 18,52 %
  • Österreich 4,83 %
  • Frankreich 2,76 %
  • Portugal 2,37 %

Wie aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) hervorgeht, finden 69 Prozent der Verbraucher das Angebot von Ökostrom bei der Auswahl eines neuen Strom- bzw. Gasanbieters „sehr wichtig“ beziehungsweise „eher wichtig“

Die Anfrage hat eine längere Historie. Diese kann hier weiterverfolgt werden.